“Autisten haben keine Lobby”

Wenn man bei Google News das Wort “autistisch” eingibt, könnte man fast glauben, es sei ein neues Modewort. So oft kommt es in der Medienberichterstattung vor. Nur leider findet es sich nicht nur in der Berichterstattung über Menschen mit Autismus wieder, sondern wird synonym für Menschen und Umstände benutzt, um etwas als besonders negativ zu brandmarken. Gleichzeitig dient Autismus als einfache Erklärung, um das Übel der Welt begreifbar zu machen. Ein Beispiel? Spiegel Online schafft es mit einem Artikel über den Amoklauf von Newton einen Sturm der Entrüstung auf sich zu ziehen. Die Autorin bot der Leserschaft ganz schnell die Diagnose “Autismus” als Erklärung für die schreckliche Tat an. Viele Blogger mit Autismus zeigten sich entsetzt.

Aber die Kritik an den Medien zum Umgang mit dem Begriff “Autismus” reißt nicht ab. “Autisten sind nicht die Fußabtreter formulierungsfauler Autoren”, twitterte Mela Eckenfels vor kurzem. Wir haben sie dazu befragt, wie sie als Autistin über die Berichterstattung denkt.

Mela lebt in Karlsruhe, ist 41 Jahre alt und verheiratet. Sie twittert unter dem Nick Felicea und schreibt für Geld. Dazu bloggt sie über Autismus und ADS.

Aufgerollt: Seit ein paar Wochen lese ich immer wieder auf Twitter, dass Du und andere Leute mit Autismus die Berichterstattung zu dem Thema kritisieren? Wie fing das an?

Mela: Schleichend beobachte ich diesen Trend seit nun gut zwei Jahren. Zuerst begegnete mir der Begriff “Autismus der Ökonomen” beziehungsweise die Studentenbewegung der “Post-autistischen Ökonomie”. Im letzten Jahr kam “autistische Architektur” dazu. Dann konnte man vermehrt von Seiten der Politik hören, dass sie anderen Politikern gerne “autistische Politik” unterstellten, wenn diese nicht auf ihre Einwände eingehen wollten. All das gipfelte aber in einem Spiegel-Bericht zum Schul-Amoklauf in Newtown im Dezember des vergangenen Jahres.

Es stand nur kurz und sehr schwammig der Verdacht im Raum, der Täter könnte ein Asperger-Autist gewesen sein. Das wurde umgehend von allen Medien aufgegriffen. Auch von Spiegel Online. Der Artikel dort strotzte vor populistischen Formulierungen und schämte sich nicht Autisten indirekt in Verbindung mit Massenmördern zu bringen. Alles anhand mehr als wackliger und teils sachlich falscher Argumente, aber die Autorin und Spiegel Online wollten sich nicht von ihrer Interpretation abbringen lassen.

Aufgrollt: Kannst Du kurz erklären, was Autismus ist?

Mela: Autismus bezeichnet, nach Lehrbuch, eine tiefgreifende Entwicklungsstörung. Das Problem mit Autismus und dem Verständnis der Bevölkerung von Autismus ist, dass es den Autismus eigentlich gar nicht gibt. Es gibt eine Handvoll Merkmale die als typisch für Autismus gelten, so zum Beispiel eine monotone Sprachmelodie oder eine nicht-altersgerechte, gestelzte Sprache. Nach außen fallen Autisten meist dadurch auf, dass sie sich lieber zurückziehen und als Kind mit sich selbst spielen, monotone Handlungen wiederholen oder sehr heftig auf körperliche Berührungen reagieren.

Viel bedeutender für die Autisten selbst, ist allerdings eine im Vergleich zur Norm veränderte Wahrnehmung. Die Intensität von Licht, Geräuschen, Gerüchen, Geschmack und Berührungen wird anders empfunden. Entweder viel stärker oder viel schwächer als üblich. Zu Problemen mit der Umwelt führen die Probleme von Autisten im sozialen Umgang mit den Mitmenschen. Simon Baron Cohen, einer der führenden Autismus-Experten nennt als Ursache, dass Autisten zwar über eine intakte affektive Empathie verfügen, aber über eine gestörte kognitive Empathie. Kurz, sie sind nicht in der Lage die Reaktionen und Beweggründe ihrer Mitmenschen ohne weiteres zu entschlüsseln. Das führt zu Missverständnissen und sozial unangepasstem Verhalten. Viele Autisten erscheinen deswegen gefühlskalt oder genau im Gegenteil übertrieben gefühlsbetont. Dabei sind sie nur verwirrt und können den Ausdruck ihrer Gefühle nicht so einfach der Situation angemessen dosieren, wie der Durchschnitt.

Murmel mit Spielfiguren
Bild: Stephanie Hofschlaeger / pixelio.de

Aufgerollt: Das hört sich nicht so an, als würde aus einem Autisten mirnixdirnix ein Massenmörder, wie von einigen Medien angenommen. Woher kommen Deiner Meinung nach diese Vorurteile?

Mela: Mein Eindruck, gerade im Bezug auf das Sandy-Hook-Attentat war das erfreute Aufseufzen in den Redaktionen und den Köpfen vieler Leser “Hurra, der Täter hatte was mit dem Kopf.” Während die Ursachen für Amokläufe in ihrer Komplexität schwer zu erklären und zu verstehen sind, gab es hier auf einmal eine einfache Erklärung. Der Attentäter war “irre”. Heute liefern alle journalistischen Formate diese Erklärung ohnehin gerne bereits in der Bezeichnung mit “der irre Attentäter” oder “der wahnsinnige Terrorist”. Damit ist alles erklärt. Niemand muß sich weitere Gedanken machen. Der Typ war durchgedreht, nicht ganz richtig im Kopf. Damit ist alles klar.
Das Autismus sich gar nicht als Erklärung für eine Gewalttat eignet … geschenkt.
Wenn es beispielsweise im Fernsehen eine Dokumentation über Autisten gibt, sieht man garantiert ein Kind, dass in Agonie um sich schlägt, ohne das seiner Umwelt der Auslöser klar wäre. Warum also, denkt sich der Zuschauer oder Leser, sollte das gleiche Kind, sobald erwachsen, nicht zur Waffe greifen?
Was ein hilfloser Selbstschutz-Versuch ist, wird in den Köpfen anderer schnell zu aktiver Aggression.

Aufgerollt: Wenn Du liest, wie über autistische Menschen berichtet wird, was empfindest Du da?

Mela: Hilflosigkeit. Sehr große Hilflosigkeit. Denn als Autisten haben wir keine Lobby.
Jahrzehntelang haben Ärzte und Psychologen allenfalls über Autisten gesprochen, aber nie mit ihnen. Inzwischen ist zwar klar, dass nicht nur die vollkommen sprachlosen Autisten zum Spektrum gehören, aber auch den Autisten ohne Einschränkungen der Sprachentwicklung hört niemand gerne oder richtig zu. Deswegen hält sich auch das Märchen so hartnäckig, dass wir nichts empfänden obwohl wir nur Probleme damit haben unsere Empfindungen korrekt auszudrücken.
Und immer, wenn ein solcher Bericht auftaucht, kriechen alle aus den Löchern, die uns erklären, wie wir sind.
Gerade die Berichterstattung nach dem Sandy-Hook-Amoklauf war sehr dramatisch. Die Behauptung, der Amokläufer sei Autist gewesen, war und ist, soweit ich weiß, keinesfalls bestätigt, aber die ersten forderten diese gefährlichen, emotionslosen Autisten endlich wegzusperren. Alle. Mütter autistischer Kinder bestätigten auf Twitter die Behauptung noch, alle Autisten seien vollkommen emotionslos. Dabei können nicht einmal sie als Eltern von Autisten diese Aussage treffen.

Niemand weiß, wie es in einem Autisten aussieht, außer er selbst. Sie können nur aus dem, was sie sehen, darauf schließen, und diese Schlüsse sind fast immer falsch.