Archiv für den Monat: Februar 2013

Pistorius auf freiem Fuß oder warum auch Blinde sich wiedersehen

Es ist ein paar Tage her, dass ich auf diesen Tweet aufmerksam wurde:

Ich musste, ehrlich gesagt, einen Moment darüber nachdenken, was das Problem an der Formulierung sein soll. Dann fiel der Groschen: Kann jemand, der unterschenkelamputiert ist und mit Prothesen läuft, auf freien Fuß kommen, wenn er in Untersuchungshaft sitzt?

Ja, warum denn nicht? Es ist eine gängige Redewendung, die ursprünglich daher kommt, dass jemandem die Fesseln vom Fuß entfernt werden. In den meisten Staaten werden Gefangene heute nicht mehr dauerhaft in Fußfesseln gelegt, aber dennoch wird die Redewendung weiter verwendet. Genau genommen ist sie also bei jedem Gefangenen falsch, der nicht in Fußfesseln gehalten wurde.

Fußfessel
Bild: Peter Reinäcker / Pixelio.de

Einige meinen, Pistorius habe keine Füße, deshalb könne er auch nicht auf freien Fuß kommen. Ich finde das für eine sehr engstirnige Begründung. Zum einen sind Pistorius‘ Prothesen seine Füße. Zum anderen nutzen auch behinderte Menschen selbst solche und andere Redewendungen. Man muss das Leben ja nicht komplizierter machen als es ist.

Ich „gehe“ also zum Arzt, auch wenn ich eigentlich dort hin rolle. Ich „gehe“ auch spazieren. Blinde Menschen wünschen sich gegenseitig „Auf Wiedersehen“ und „schauen sich das mal an“. Das ist ganz normal.

Die oben genannten Beispiele haben alle gemeinsam, dass sie neutrale Formulierungen sind. Es schwingt keine Herabwürdigung oder Bewertung mit. Anders sieht es aus bei Formulierungen, die eine bestimmte negative Vorstellung erzeugen wie z.B. „an den Rollstuhl gefesselt“. Offensichtlich haben weniger Journalisten Skrupel so eine Formulierung zu benutzen, obwohl sie keinesfalls mehr wertneutral ist sondern eine negative Einstellung gegenüber dem Hilfsmittel Rollstuhl impliziert.

Ich finde, man darf Pistorius „auf freien Fuß“ kommen lassen. Das ist in jedem Fall besser als ihn „an seiner Behinderung leiden“ zu lassen – noch so eine beliebte Formulierung, die keinesfalls neutral ist.

„Autisten haben keine Lobby“

Wenn man bei Google News das Wort „autistisch“ eingibt, könnte man fast glauben, es sei ein neues Modewort. So oft kommt es in der Medienberichterstattung vor. Nur leider findet es sich nicht nur in der Berichterstattung über Menschen mit Autismus wieder, sondern wird synonym für Menschen und Umstände benutzt, um etwas als besonders negativ zu brandmarken. Gleichzeitig dient Autismus als einfache Erklärung, um das Übel der Welt begreifbar zu machen. Ein Beispiel? Spiegel Online schafft es mit einem Artikel über den Amoklauf von Newton einen Sturm der Entrüstung auf sich zu ziehen. Die Autorin bot der Leserschaft ganz schnell die Diagnose „Autismus“ als Erklärung für die schreckliche Tat an. Viele Blogger mit Autismus zeigten sich entsetzt.

Aber die Kritik an den Medien zum Umgang mit dem Begriff „Autismus“ reißt nicht ab. „Autisten sind nicht die Fußabtreter formulierungsfauler Autoren“, twitterte Mela Eckenfels vor kurzem. Wir haben sie dazu befragt, wie sie als Autistin über die Berichterstattung denkt.

Mela lebt in Karlsruhe, ist 41 Jahre alt und verheiratet. Sie twittert unter dem Nick Felicea und schreibt für Geld. Dazu bloggt sie über Autismus und ADS.

Aufgerollt: Seit ein paar Wochen lese ich immer wieder auf Twitter, dass Du und andere Leute mit Autismus die Berichterstattung zu dem Thema kritisieren? Wie fing das an?

Mela: Schleichend beobachte ich diesen Trend seit nun gut zwei Jahren. Zuerst begegnete mir der Begriff „Autismus der Ökonomen“ beziehungsweise die Studentenbewegung der „Post-autistischen Ökonomie“. Im letzten Jahr kam „autistische Architektur“ dazu. Dann konnte man vermehrt von Seiten der Politik hören, dass sie anderen Politikern gerne „autistische Politik“ unterstellten, wenn diese nicht auf ihre Einwände eingehen wollten. All das gipfelte aber in einem Spiegel-Bericht zum Schul-Amoklauf in Newtown im Dezember des vergangenen Jahres.

Es stand nur kurz und sehr schwammig der Verdacht im Raum, der Täter könnte ein Asperger-Autist gewesen sein. Das wurde umgehend von allen Medien aufgegriffen. Auch von Spiegel Online. Der Artikel dort strotzte vor populistischen Formulierungen und schämte sich nicht Autisten indirekt in Verbindung mit Massenmördern zu bringen. Alles anhand mehr als wackliger und teils sachlich falscher Argumente, aber die Autorin und Spiegel Online wollten sich nicht von ihrer Interpretation abbringen lassen.

Aufgrollt: Kannst Du kurz erklären, was Autismus ist?

Mela: Autismus bezeichnet, nach Lehrbuch, eine tiefgreifende Entwicklungsstörung. Das Problem mit Autismus und dem Verständnis der Bevölkerung von Autismus ist, dass es den Autismus eigentlich gar nicht gibt. Es gibt eine Handvoll Merkmale die als typisch für Autismus gelten, so zum Beispiel eine monotone Sprachmelodie oder eine nicht-altersgerechte, gestelzte Sprache. Nach außen fallen Autisten meist dadurch auf, dass sie sich lieber zurückziehen und als Kind mit sich selbst spielen, monotone Handlungen wiederholen oder sehr heftig auf körperliche Berührungen reagieren.

Viel bedeutender für die Autisten selbst, ist allerdings eine im Vergleich zur Norm veränderte Wahrnehmung. Die Intensität von Licht, Geräuschen, Gerüchen, Geschmack und Berührungen wird anders empfunden. Entweder viel stärker oder viel schwächer als üblich. Zu Problemen mit der Umwelt führen die Probleme von Autisten im sozialen Umgang mit den Mitmenschen. Simon Baron Cohen, einer der führenden Autismus-Experten nennt als Ursache, dass Autisten zwar über eine intakte affektive Empathie verfügen, aber über eine gestörte kognitive Empathie. Kurz, sie sind nicht in der Lage die Reaktionen und Beweggründe ihrer Mitmenschen ohne weiteres zu entschlüsseln. Das führt zu Missverständnissen und sozial unangepasstem Verhalten. Viele Autisten erscheinen deswegen gefühlskalt oder genau im Gegenteil übertrieben gefühlsbetont. Dabei sind sie nur verwirrt und können den Ausdruck ihrer Gefühle nicht so einfach der Situation angemessen dosieren, wie der Durchschnitt.

Murmel mit Spielfiguren
Bild: Stephanie Hofschlaeger / pixelio.de

Aufgerollt: Das hört sich nicht so an, als würde aus einem Autisten mirnixdirnix ein Massenmörder, wie von einigen Medien angenommen. Woher kommen Deiner Meinung nach diese Vorurteile?

Mela: Mein Eindruck, gerade im Bezug auf das Sandy-Hook-Attentat war das erfreute Aufseufzen in den Redaktionen und den Köpfen vieler Leser „Hurra, der Täter hatte was mit dem Kopf.“ Während die Ursachen für Amokläufe in ihrer Komplexität schwer zu erklären und zu verstehen sind, gab es hier auf einmal eine einfache Erklärung. Der Attentäter war „irre“. Heute liefern alle journalistischen Formate diese Erklärung ohnehin gerne bereits in der Bezeichnung mit „der irre Attentäter“ oder „der wahnsinnige Terrorist“. Damit ist alles erklärt. Niemand muß sich weitere Gedanken machen. Der Typ war durchgedreht, nicht ganz richtig im Kopf. Damit ist alles klar.
Das Autismus sich gar nicht als Erklärung für eine Gewalttat eignet … geschenkt.
Wenn es beispielsweise im Fernsehen eine Dokumentation über Autisten gibt, sieht man garantiert ein Kind, dass in Agonie um sich schlägt, ohne das seiner Umwelt der Auslöser klar wäre. Warum also, denkt sich der Zuschauer oder Leser, sollte das gleiche Kind, sobald erwachsen, nicht zur Waffe greifen?
Was ein hilfloser Selbstschutz-Versuch ist, wird in den Köpfen anderer schnell zu aktiver Aggression.

Aufgerollt: Wenn Du liest, wie über autistische Menschen berichtet wird, was empfindest Du da?

Mela: Hilflosigkeit. Sehr große Hilflosigkeit. Denn als Autisten haben wir keine Lobby.
Jahrzehntelang haben Ärzte und Psychologen allenfalls über Autisten gesprochen, aber nie mit ihnen. Inzwischen ist zwar klar, dass nicht nur die vollkommen sprachlosen Autisten zum Spektrum gehören, aber auch den Autisten ohne Einschränkungen der Sprachentwicklung hört niemand gerne oder richtig zu. Deswegen hält sich auch das Märchen so hartnäckig, dass wir nichts empfänden obwohl wir nur Probleme damit haben unsere Empfindungen korrekt auszudrücken.
Und immer, wenn ein solcher Bericht auftaucht, kriechen alle aus den Löchern, die uns erklären, wie wir sind.
Gerade die Berichterstattung nach dem Sandy-Hook-Amoklauf war sehr dramatisch. Die Behauptung, der Amokläufer sei Autist gewesen, war und ist, soweit ich weiß, keinesfalls bestätigt, aber die ersten forderten diese gefährlichen, emotionslosen Autisten endlich wegzusperren. Alle. Mütter autistischer Kinder bestätigten auf Twitter die Behauptung noch, alle Autisten seien vollkommen emotionslos. Dabei können nicht einmal sie als Eltern von Autisten diese Aussage treffen.

Niemand weiß, wie es in einem Autisten aussieht, außer er selbst. Sie können nur aus dem, was sie sehen, darauf schließen, und diese Schlüsse sind fast immer falsch.

Gedanklich zwischen Krüppel und Helden gefangen

Die Darstellung behinderter Menschen springt teilweise zwischen zwei extremen Polen. „Entweder als permanent unter der Behinderung Leidende, als Opfer oder als Helden, die ihre Behinderung überwunden haben“, wie Rebecca Maskos, Projektleiterin von Online-Portal Leidmedien.de, in einem Interview vor wenigen Wochen treffend festhielt.

In diesem eingefahrenen Denkschema ist offensichtlich auch Franz Josef Wagner (von der BILD) gefangen. Schrieb er kürzlich sinngemäß, dass der Friedensnobelpreis eine Entscheidung “gegen Krüppel …” sei (wir berichteten darüber) ist nun eine Heldensaga auf der Tagesordnung. Nein keine griechische; sondern eine aus Deutschland. 😉

In einem persönlich verfassten Text zollt er Samuel Koch seine Bewunderung für – und nun bitte aufpassen – die Teilnahme an einer Party. Diese übersteigerte Bewunderung für etwas an sich nicht berichtenswertes sagt wenig über den Hervorgehobenen aus aber sehr viel über den Hervorheber.

Franz Josef Wagner schließt seinen Text mit diesen Sätzen „Alles ist gelähmt. Was nicht gelähmt ist, sind Ihre Träume.“

Unbedingt losbinden! Nein, nicht den Samel Koch. Weil der ist ja bekanntlich nicht „an den Rollstuhl gefesselt“, sondern den Franz Josef Wagner. Der ist anscheinend noch in seiner Gedankenwelt zwischen Krüppel und Helden gefangen.

Prison bars

Wenn man aus Bequemlichkeit die Falschen interviewt

Manchmal frage ich mich, ob manche Journalisten nicht selber merken, dass ihre Art und Weise über behinderte Menschen zu berichten, etwas merkwürdig ist. Man stelle sich nur einmal vor, eine Zeitung berichtet über die Schwierigkeiten eines 38-jährigen Mannes und seiner 30-jährigen Frau, Arbeit zu finden. Dabei kommen die beiden aber nicht ein einziges Mal zu Wort. Befragt werden lediglich die Eltern des Mannes. Die Eltern? Wieso das denn? Die sind doch erwachsen, würde man denken. Genau.

Kein Chefredakteur, der halbwegs bei Verstand ist, würde das einem Autor durchgehen lassen – aber bei gehörlosen Menschen scheinen diese Standards, dass man die Beteiligten direkt befragt, wenn man sie vor sich sitzen hat – nicht mehr zu gelten. Der Münchner Merkur hat einen sicher gut gemeinten Artikel über ein gehörloses Paar geschrieben, das auf Arbeitssuche ist. Die Zeitung hat aber leider vergessen, die eigentlichen Leute, um die es geht, überhaupt mal zu Wort kommen zu lassen. Es reden immer nur die Eltern des Mannes.

Businessfrau hat Sprechverbot
Bild: Benjamin Thorn / pixelio.de

Abgesehen davon, dass ich solche Artikel immer ein bisschen grenzwertig finde – was ist eigentlich die Nachricht? Können sich jetzt alle Arbeitslosen bei der Zeitung melden? Wird dann auch über sie berichtet? – ist es absolut nicht hinnehmbar, dass für erwachsene Menschen immer noch die Eltern reden. Mir ist schon klar, woher das kommt. Der Journalist hatte vielleicht Hemmungen und wusste nicht, wie er mit dem gehörlosen Paar kommunizieren soll. Aber die Eltern reden zu lassen, ist ja nun auch keine Lösung. Dann schon besser einen Gebärdensprachdolmetscher hinzuziehen oder sonst jemand, der übersetzen kann.

Ja, ich weiss, es ist manchmal etwas aufwendiger, wenn man diese Ansprüche hat. Andererseits zeigt der Artikel wunderbar, dass man sonst nicht an Informationen kommt. Wir erfahren fast nichts über das Paar, außer wie schwer alles ist. Ist es das, was der künftige Arbeitgeber lesen will? Ist es das, was die gehörlosen Leute selber gesagt hätten? Damit ist der Zweck des Artikels – die beiden in Arbeit zu bringen – und vielleicht etwas mehr Verständnis für gehörlose Menschen zu erzielen, völlig verfehlt.