Archiv für den Monat: Januar 2013

Schwache Leistung

Rheinland-Pfalz hat eine neue Ministerpräsidentin. Malu Dreyer tritt die Nachfolge Kurt Becks an, nachdem sie zuvor Sozialministerin des Landes war. Ich finde es sehr interessant, die Berichterstattung dazu zu verfolgen. Während Malu Dreyer – ganz zu recht, wie ich finde – der Auffassung ist, dass ihre Behinderung in der Politik keine Rolle spielen sollte, geben sich manche Journalisten größte Mühe, das zu widerlegen.

Tapfer

Malu Dreyer ist unsere tapferste Politikerin„, schrieb die BILD-Zeitung schon im September. Der Artikel ist so furchtbar gönnerisch und herablassend wie die Überschrift ahnen lässt.

Nun könnte man glauben, nach Jahrzehnten mit einem Spitzenpolitiker im Rollstuhl habe man sich in Deutschland an behinderte Politiker gewöhnt und geht damit gelassen um. Eben so, wie sich Malu Dreyer das auch wünscht. Aber das ist offensichtlich nicht der Fall.

Die ZEIT

Die ZEIT widmet sich in einem Porträt über Malu Dreyer fast ausschließlich ihrer Behinderung, liefert sogar die Begründung gleich mit, warum man die Auffassung Malu Dreyers, dass ihre Behinderung in der Politik keine Rolle spielen sollte, gleich mit: „Trotzdem ist die Krankheit nicht nur ein Teil von Malu Dreyers privatem Leben, sondern auch von ihrem öffentlichen. Sie wird nicht nur die Ministerpräsidentin sein, sondern die Ministerpräsidentin mit der multiplen Sklerose.“ Nein, das wird sie nur sein, wenn die Medien es so wollen. Die ZEIT will es offenbar so.

Schwache Leistung aus Berlin

Der Tagesspiegel aber belässt es aber nicht bei dem in den Vordergrund stellen ihrer Behinderung. Der Redakteur fühlt sich auch noch berufen in einem Meinungsbeitrag mit der Überschrift „Malu Dreyers Schwäche ist ihre Stärke“ ihr ungefragt Ratschläge über den Umgang mit ihrer Behinderung zu geben.

Mit Schwäche meint er ihre Behinderung und disqualifiziert sich damit, meiner Meinung nach, als Ratgeber. Malu Dreyer sieht ihre Behinderung nicht als Schwäche an, sie ist auch nicht schwach, weil sie eine Behinderung hat. Den Nutzen von Inklusion sieht er darin, dass Kinder lernen, dass es andere Kinder schwerer haben (die mit Behinderung natürlich) als sie selbst.

Behinderung definiert der Tagesspiegel also als Defizit. Schublade auf, Schublade zu. Und dann gibt die Zeitung der gestandenen Politikerin mit auf den Weg: „Politik – das ist vor allem zuhören, diskutieren, entscheiden, was geschehen soll. Dreyer könnte zeigen, dass es ihr darauf ankommt und nicht so sehr auf Dauerpräsenz. Eine Ministerpräsidentin, die auch mal ein paar Tage zu Hause arbeitet, um bei Kräften zu bleiben…“.

Es fehlt eigentlich nur noch der Hinweis, sich immer warm anzuziehen und die Jacke schön gut zuzumachen. Auch behinderte Politiker haben das Recht, Workoholics zu werden, wie ihre Kollegen – oder auch nicht. Es hat jedenfalls nichts mit der Behinderung zu tun und ich bin mir sicher, Malu Dreyer bleibt nicht einen Tag mehr zu Hause, weil ihr das ein Journalist in Berlin geraten hat. Hätte irgendjemand Kurt Beck einen Meinungsartikel gewidmet, indem er ihm mitteilt wie viel oder wenig er zu arbeiten hat? Nein? Warum nicht? Der weiß also, was gut für ihn ist? Ja?

Es geht auch anders

Und zum Schluss eine positive Beobachtung in all dieser „Hilfe, wir haben eine behinderte Ministerpräsidentin und kommen so gar nicht damit klar“-Berichterstattung: dpa* hat in allen Berichten, die ich gesehen habe, sachlich über Malu Dreyers Politik – denn darum geht es nun mal bei einer Politikerin – geschrieben und jeweils in einem Absatz erklärt, warum Malu Dreyer manchmal im Rollstuhl sitzt. Es geht eben auch anders…

*Transparenzhinweis: Ich habe bei dpa volontiert und als Redakteurin gearbeitet, kritisiere die Kollegen aber auch, wenn es sein muss.

Danke für den großen Zuspruch

Wenige Tage vor Silvester haben wir diesen Medienwatchblog zur Berichterstattung über behinderte Menschen gestartet. Unser Resümee nach knapp zwei Wochen: Wir sind von dem bisherigen Zuspruch sehr überwältigt und nehmen dies als Auftrag intensiv an dem Thema dranzubleiben.

Übrigens: Die bisher meistgelesene Artikel waren „Die Welt gehört denen, die neu denken“ sowie „Mit Lügen zum Job„.

aufgerollt.com am iPad

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Ohne Twitter und Facebook geht nichts mehr

Die Zugriffsstatistiken des Medienwatchblogs zeigen ganz deutlich, dass mehr als die Hällte der Leserinnen und Leser über Verweise von Twitter und Facebook kommen.

Wer keinen neuen Beitrag verpassen will, folgt „Aufgerollt“ entweder auf Twitter oder Facebook. Zusätzlich besteht noch die Möglichkeit sich neue Beiträge per Mail schicken zu lassen. Einfach auf der Homepage rechts oben die e-Mail Adresse eintragen.

aufgerollt.com am Handy

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Wenn Ihnen ein besprechenswerter Artikel auffällt, nehmen Sie bitte mit uns entweder über Twitter oder Facebook Kontakt auf. Danke im Voraus.

Mit Lügen zum Job

Keine Frage, für behinderte Menschen ist es in Deutschland immer noch sehr schwer, einen Arbeitsplatz zu finden. Die hohe Arbeitslosenquote und die niedrige Beschäftigungsquote behinderter Menschen spricht Bände. Diesem Thema hat sich nun auch die Märkische Allgemeine mit dem Artikel „Manchmal sind sogar Lügen erlaubt – Für Behinderte bleibt der Arbeitsmarkt hart“ angenommen. Zusätzlich gibt es zu dem Thema auch noch einen Kommentar des Autors.

Die Zeitung berichtet über das Bewerbungsgespräch einer Verkäuferin bei einem Einzelhandelsunternehmen in Kyritz. Die Frau hat einen Grad der Behinderung von 60, muss aufgrund einer Erkrankung regelmäßig Medikamente nehmen. Im Bewerbungsgespräch hat sie dem Arbeitgeber mitgeteilt, dass sie eine Behinderung hat, worauf dieser gesagt haben soll, „mit sowas wollen wir nichts zu tun haben.“ So weit, so ungut.

Stellenmarkt
Bild: Paul-Georg Meister / Pixelio.de

Dann beginnt der Autor der Leserschaft mitzuteilen, dass man tatsächlich nicht verpflichtet ist, eine Behinderung gegenüber dem Arbeitgeber zu offenbaren. Das ist richtig, aber wird sehr vielen behinderten Menschen in der Praxis nicht weiterhelfen, weil sie entweder eine sichtbare Behinderung haben oder aber früher oder später auf Kooperationsbereitschaft des Arbeitgebers angewiesen sind.

Die Gesetze sind schuld?

Dann aber wird der Artikel spekulativ. „Sehr wahrscheinlich hat im Übrigen nicht die Behinderung von Barbara V. den Arbeitgeber abgeschreckt, sondern die gesetzlichen Regelungen zum Schutze Behinderter“, schreibt die Märkische Allgemeine. Ich frage mich, woher wissen die das? Haben sie mit dem Arbeitgeber gesprochen? Ist es nicht eher so, dass viele Arbeitgeber behinderte Menschen für weniger leistungsfähig halten und Angst haben, dass diese erhöhte Fehlzeiten haben – das ist zwar statistisch falsch, aber leider ein sehr verbreitetes Vorurteil.

Der Artikel fährt fort: „So gilt beispielsweise nach dem Sozialgesetzbuch IX ein erhöhter Kündigungsschutz. Zudem haben Schwerbehinderte Anspruch auf zusätzlichen Urlaub und das Recht, Mehrarbeit abzulehnen, also beispielsweise Überstunden.“

Diskriminierung ist das Problem

Der erhöhte Kündigungsschutz besteht unter anderem darin, dass das Integrationsamt zustimmen muss, wenn behinderte Mitarbeiter gekündigt werden. Ich kenne die Zahlen von Brandenburg nicht, aber ich schätze mal, die Zustimmungsquote des Integrationsamts in Brandenburg liegt bei 90 Prozent. Aber Fakten wie diese hätten die Theorie, dass es an den Gesetzen liegt, nicht gerade unterstützt. Es liegt nicht an den Gesetzen, es liegt an den Arbeitgebern, die sich gegen behinderte Menschen entscheiden. So wie sie sich gegen Alleinerziehende, Ausländer oder Frauen entscheiden. Das genannte Gesetz versucht zumindest zu verhindern, dass Angestellte nicht sofort entlassen werden, sobald sie eine Behinderung bekommen, weil der Arbeitgeber sie loswerden will.

Und auch der Kommentar des Autors liest sich für mich wenig fundiert. Weil der Konkurrent keine behinderten Menschen beschäftigt, macht man das selbst auch nicht? Ich glaube viel eher, dass es dazu keinen Konkurrenten braucht, sondern fähige Personalchefs, die wissen, dass behinderte Menschen genauso motiviert und leistungsfähig sind wie nicht behinderte Menschen. Es ist zum Nachteil der Unternehmen, wenn sie den besten Bewerber nicht einstellen, weil der eine Behinderung hat. Es wäre schön gewesen, wenn die Zeitung das den Arbeitgebern mitgeteilt hätte.

Lernen statt belehrt zu werden

Seit 2001 wird jährlich am 4. Jänner, dem Geburtstag von Louis Braille, der Welt-Braille-Tag begangen. Dies ist Anlass für viele Medien sich mit Thema Braille und ihrem Erfinder ausführlich zu beschäftigen.

Unserer Meinung nach besonders gut gelungen ist dies „20 Minuten“ mit dem Artikel „Öffnen Sie die Augen für ein Braille-Quiz„.

Braille-Quiz bei 20 Minuten

Braille-Quiz bei 20 Minuten

„Spielen ist eine Tätigkeit, die man gar nicht ernst genug nehmen kann.“ (Jaques-Yves Cousteau)

Das Beispiel von „20 Minuten“ zeigt schön, dass es für Leserinnen und Leser sicherlich netter ist etwas zu lernen, als belehrt zu werden. Bitte nachmachen!

Der Kölner Stadt-Anzeiger rockt

Lisa Steinmann rockt den Landtag“ – für diese Überschrift hat der Kölner Stadt-Anzeiger schon ein Lob verdient. Sie ist positiv und macht Lust, den Artikel zu lesen.

Das ist die Überschrift über einem der beiden Artikel, die die beiden neuen, rollstuhlfahrenden Landtagsabgeordneten porträtieren, die seit kurzem im Landtag von Nordrhein-Westfalen sitzen. Neben Lisa Steinmann (SPD) gibt es einen weiteren Rollstuhlfahrer im Parlament, Stefan Fricke von der Piratenpartei, der im Artikel „Mit dem Rollstuhl in den Landtag“ porträtiert wird.

Düsseldorf
Bild: Axel Heuting / Pixelio

Ich finde es völlig in Ordnung, zu erwähnen, das beide Rollstuhlfahrer sind und darüber sogar eine kleine Serie zu stricken. Angesichts der Tatsache, dass es vergleichsweise wenige behinderte Parlamentarier in Deutschland gibt, ist es wichtig, nicht immer nur über Wolfgang Schäuble zu schreiben. Es fehlt in dem Bereich an Vorbildern, insofern ist es gut, wenn die Medien darüber schreiben.

Mir gefallen die Artikel auch deshalb besonders gut, weil ein großer Schwerpunkt auf die Politik, die die beiden machen, gelegt wurde und nicht irgendeine „HerzschmerztrotzBehinderungimLandtag-Geschichte“ zusammengeschustert wurde. Es wird deutlich, wie unterschiedlich die beiden auftreten, welche Themen sie bearbeiten und warum, und dass die Behinderung am Ende einfach dazu gehört. Zwei sehr unaufgeregte, aber interessante und informative Artikel, die ich gerne gelesen habe.

Deutsch ist nicht unbedingt verständliches Deutsch

„Der Österreicher unterscheidet sich vom Deutschen durch die gleiche Sprache.“

Dieses Zitat wird häufig Karl Kraus zugeschrieben – was übrigens unrichtig ist.

Ich schreibe für den deutschen Nachrichtendienst kobinet-nachrichten und bemerke dabei immer wieder wie unterschiedlich die deutsche Sprache in Österreich und Deutschland verwendet wird. Dies gilt noch viel mehr für die Schweiz, wie folgendes Beispiel zeigt.

„Securitys stossen Rollstuhlfahrer“

So titelte „20 Minuten“ einen Bericht zum Bärenpark in Bern.

Wer nun eine Schilderung über einen tätlichen Angriff eines Wachpersonals auf einem behinderten Besucher erwartet, liegt erfreulicherweise gänzlich falsch. Man erfährt stattdessen: Statt in einen Treppenlift zu investieren, werden die Mitarbeiter des Security-Unternehmens SAS geschult, wie man Person mit einem Rollstuhl schiebt.

20 Minuten: Securitys stossen Rollstuhlfahrer

20 Minuten: Securitys stossen Rollstuhlfahrer

Man sieht wie vorsichtig man sein muss, wenn man Artikel für den gesamten deutschsprachigen Raum erstellt. Eine durchaus herausfordernde Aufgabe, wie die Praxis zeigt.

Genauere Betrachtung

Bei genauerer Betrachtung der Geschichte fällt allerdings doch eine Gewaltausübung auf. Das Vorenthalten der Barrierefreiheit (nämlich des Treppenlifts) ist durchaus Gewalt – nämlich strukturelle Gewalt.

Sensationen, die keine sind

Ich hatte in den letzten Jahren nicht das Gefühl, dass behinderte Menschen zu wenig in den Medien vorkommen, sondern das Problem ist, wie sie vorkommen.

Ein Phänomen, das ich beobachtet habe ist, dass alltägliche Dinge dann zur Meldung werden, wenn sie von behinderten Menschen gemacht werden. Ein Beispiel liefert die Nordsee-Zeitung mit ihrem Bericht „Eine neue Perspektive für behinderte Menschen„.

Was ist die Nachricht?

Bevor ich meckere, der Beitrag ist sprachlich relativ in Ordnung, verwendet zumindest die richtigen Fachbegriffe. Allerdings habe ich mich von Anfang bis Ende gefragt, was eigentlich die Nachricht ist. Mehrere blinde Menschen arbeiten in der Telefonzentrale der Stadt Bremen? Ihre Kollegen können gut „mit der Einschränkung“ umgehen? Welche Einschränkung eigentlich? Zuvor wurde doch beschrieben, dass die beiden Hilfsmittel haben, die ihnen ermöglichen, am Bürgertelefon Auskunft zu geben?

Telefon
Bild: Rainer Sturm / Pixelio

So wird aus dem Alltag von behinderten Menschen eine Sensation, die keine ist. Es gibt kaum einen klassischeren Beruf für blinde Menschen als Telefonist. Das ist auch nicht wirklich „eine neue Perspektive für behinderte Menschen“ sondern die 08/15-Idee jedes drittklassigen Jobcentreberaters. Quasi der Klassiker für Blinde und Rollstuhlfahrer. Es ist eher überraschend, dass ein öffentlicher Arbeitgeber wie die Stadt Bremen von 33 Mitarbeitern nur drei behinderte Menschen in der Telefonzentrale hat.

Ja, es ist normal, dass auch blinde Menschen arbeiten – wenn man sie denn lässt. Das Problem ist nicht, dass sie nicht arbeiten können, das Problem ist, dass man sie vielfach nicht lässt, weil viele Arbeitgeber ihnen nichts zutrauen. Das wird leider nicht besser, wenn man ganz normal lebende behinderte Menschen als Sensation verkauft.