Hilflos in Duisburg

Es ist schon fast ein Klassiker in der Sauren-Gurken-Zeit. Immer wenn die Nachrichtenlage mau ist, aber in der Zeitung noch viel Platz, wird ein Praktikant in einen Rollstuhl gesetzt, durch das Revier der Lokalzeitung geschickt, um dann über seine – natürlich meist schlimmen – Erlebnisse zu schreiben.

Duisburg im Rollstuhl

Der Anspruch ist dabei oft zu beschreiben, wie das Leben als Rollstuhlfahrer denn so ist. Diesmal war es die Rheinische Post, die einen Mitarbeiter in einen Rollstuhl setzte und ihn durch Duisburg rollen ließ.

Schon die Überschrift „Ein paar Stunden absolute Hilflosigkeit“ lässt nichts Gutes ahnen. Vorurteil 1 – Rollstuhlfahrer sind hilflos – wurde damit schon in der Überschrift abgefrühstückt.

Nicht realistisch

Der Rollstuhl, den der Mitarbeiter in einem Sanitätshaus ausleiht, ist viel zu schwergängig und für einen Selbstfahrer völlig ungeeignet. Zu schreiben, das sei die Normalversorgung in Deutschland, ist schlicht falsch. Die Beine des Redakteurs sind zu lang für das Gefährt, das sieht man auf dem Foto – ja, es gibt Leistungskürzungen im Gesundheitssystem, aber so schlecht versorgt werden aktive Rollstuhlfahrer auch in Duisburg nicht.

Ein Mann im Alter des Autors, der zum Beispiel eine Querschnittlähmung hat, hat Anspruch auf einen auf ihn angepassten Rollstuhl. Diese wiegen heute um die 10 Kilo und sind leichtgängig. Und ja, das zahlt die gesetzliche Krankenkasse. Es ist kein Problem, damit eine Einkaufsstraße lang zu fahren, wenn diese nicht gerade 10 Prozent Steigung hat. Und wer zu wenig Armkraft dafür hat, bekommt im Zweifelsfall einen elektrischen Rollstuhl mit Motorantrieb. Auch diesen zahlt in der Regel die Krankenkasse oder ein anderer zuständiger Kostenträger. Dass die Kassen teilweise ihrer gesetzlichen Verpflichtung bei der Hilfsmittelversorgung nicht nachkommen, steht auf einem anderen Blatt, wäre aber ebenfalls ein gutes Thema für eine Lokalzeitung.

Die alte Leier

Einige Dinge, die dem Journalist aufgefallen sind, wären aber vielleicht wirklich wert gewesen, journalistisch weiterzuverfolgen. Warum ist der Fahrstuhl zur U-Bahn so schlecht ausgeschildert? Was sagt die Stadt dazu? Wieso ist der Lift zur Redaktion so klein? Wie sieht es bei anderen Arbeitgebern in Duisburg aus? Das sind die Fragen, die Rollstuhlfahrer wie mich wirklich beschäftigen. Aber davon lese ich in dem Artikel nichts. Ich lese nur die alte Leier von den hilflosen Rollstuhlfahrern.

Gut gemeint, aber…

So gut es die Redaktion gemeint haben mag, über das Thema Behinderung zu schreiben, so schlecht wurde es umgesetzt. „Wie fühlt man sich eigentlich als Rollstuhlfahrer? Mit welchen Problemen wird man im Alltag konfrontiert?“ – diese Fragen, die die Redaktion am Anfang stellt, beantwortet der Artikel gar nicht. Er beantwortet die Frage „Wie fühlt man sich als nicht behinderter Journalist in einem für ihn nicht angepassten Rollstuhl?“. Einen nicht behinderten, mit einem Rollstuhl ungeübten Menschen für ein paar Stunden in den Rollstuhl zu setzen, hat nichts mit der Lebenswirklichkeit von „richtigen“ Rollstuhlfahrern zu tun. Rollstuhlfahren ist eine Frage von Kraft, Geschicklichkeit und Balance. Natürlich kann man das nicht am ersten Tag lernen, aber wenn man es kann, ist es einfach und macht sogar Spaß. Das ist ungefähr vergleichbar mit der ersten Fahrstunde, wo man auch denkt, man lernt das Autofahren nie. Und am Ende ist es doch gar nicht so schwer.

Also keine Reportagen mehr mit Rollstuhlfahrschülern? Ich glaube wirklich, es schadet mehr als es nutzt. Stattdessen könnte man wirklich behinderte Menschen in ihrem Alltag begleiten, sich zeigen lassen, wo es noch Barrieren gibt und vor allem dann darüber schreiben, wie diese abgebaut werden könnten.