Archiv für den Monat: Dezember 2012

Wir binden Sie jetzt wieder los, versprochen!

Zeit für meinen persönlichen Jahresrückblick. Es wäre jetzt leicht irgendeinen völlig misslungenen Artikel eines Kollegen als abschreckendes Beispiel anzuführen. Nein, das mache ich jetzt bewusst nicht, sondern erinnere an einen Vorfall im Frühjahr, über den ich mich sehr gefreut habe.

Fehler macht jeder – aber nicht jeder reagiert so wie Hadubrand Schreibershofen, Chefredakteur von TV-Media. Dafür gebührt ihm Anerkennung.

Verärgerte Leserin schreibt an TV-Media

Begonnen hat alles mit einem Brief einer Leserin, die verärgert an TV-Media schrieb:

„Es gibt immer wieder Filme über Rollstuhlfahrer, und jedes Mal, wirklich jedes Mal, kommt in der Kritik die unnötig dramatisch-mitleidige Erwähnung vor: ‚Er/Sie ist an den Rollstuhl gefesselt.‘ Ich kann diese absolut dumme (Verzeihung) Bezeichnung nicht mehr hören bzw. lesen! Bitte erst denken, dann schreiben. Gäbe es keine Rollstühle, dann wären wir Querschnittgelähmte wirklich gefesselt – nämlich ans Bett.“

Positive Reaktion und Versprechen

Der TV-Media Chefredakteur, Hadubrand Schreibershofen, griff die Sache auf, druckte den Brief der Leserin ab, bedankte sich und antwortete:

„Ich bin verwundert, dass sich bei uns nicht schon eher jemand über un­seren – wie ich zugeben muss – unüberlegten Einsatz dieser Redewendung beschwert hat; oder zumindest ihre Sinnhaftigkeit hinter­ fragt hat. Auf jeden Fall danke für Ihren Hin­weis. Wir versprechen, dass wir in Zukunft barrierefreier denken wollen.“

Anscheinend hat er sich nach der Leserinnenreaktion wirklich mit der Sache beschäftigt sowie eine Broschüre dazu gelesen, aus der er zitiert: „… Sollten Sie trotzdem einmal eine an den Rollstuhl gefesselte Person sehen, dann bitte binden Sie sie los!

Er schloss seine Reaktion mit:

„Machen wir, versprochen!“

Wir binden Sie jetzt wieder los, versprochen!

Wir binden Sie jetzt wieder los, versprochen!

Im „Westen“ geht die Sonne auf

Wir wissen nicht, wann die Kollegen von „Der Westen“ ihre Weihnachtsfeier hatten, aber als wir die Überschrift „Für Filomena geht jeden Morgen die Sonne auf“ lasen, kam uns der Gedanke, so etwas kann einem nur mit Restalkohol im Blut einfallen. Denn – und jetzt kommt eine gute Nachricht – die Sonne geht für alle Menschen jeden Morgen auf – nicht nur für Filomena Maria Frutuso Santos.

Nichts ohne uns über uns

Filomena Maria Frutuso Santos ist gehörlos und hat nach neun Jahren Arbeitslosigkeit wieder einen Arbeitsplatz gefunden. Darüber handelt der Bericht und er lässt eigentlich fast alle Beteiligten dieser Erfolgsgeschichte zu Wort kommen: Den Ehemann der Frau, den Arbeitgeber, der sie eingestellt hat und auch die Arbeitsvermittlung. Hat man da nicht jemand vergessen? Achja, die Frau selbst hätte man vielleicht auch mal zu Wort kommen lassen können. Aber nein, sie ist ja „taubstumm“, wie „Der Westen“ schreibt. Das scheint für den Autor Grund genug zu sein, ein langes Porträt über eine Frau zu schreiben, aber sie selbst gar nicht zu interviewen. Man lässt lieber alle anderen über sie sprechen.

Das ist nicht nur journalistisch völlig inakzeptabel – wer würde sonst ein Porträt über jemanden schreiben, der zwar anwesend ist, aber diesen nicht zu Wort kommen lassen? – sondern einfach der Frau gegenüber nicht in Ordnung. Man hätte einfach einen Gebärdensprachdolmetscher zum Gespräch hinzu bitten können, vielleicht hätte der Mann oder jemand von der Arbeitsvermittlung übersetzen können. Sie gar nicht zu Wort kommen zu lassen, aber alle anderen über sie reden lassen – es geht kaum bevormundender – im wahrsten Sinne des Wortes.

„Taubstumm“ ist überholt

Vielleicht hätte sie ihm dann auch gesagt, dass gehörlose Menschen das Wort „taubstumm“ mehrheitlich ablehnen. Die meisten von ihnen können sprechen und sind keineswegs „stumm“. Ihre Stimme hört sich vielleicht ungewohnt an oder sie mögen einfach nicht gerne sprechen, aber „taubstumm“ ist einfach ein völlig überholter Begriff – das steht sogar im Duden.

Vornamen

Und noch etwas irritierte uns. Warum wird eine erwachsene Frau in dem Beitrag fast durchgehend mit ihrem Vornamen betitelt – sogar in der Überschrift? Ja, ihr Nachname ist etwas lang, aber es gehört nun einmal zum guten Ton, erwachsene Menschen mit Nachnamen anzusprechen und über sie zu schreiben, auch wenn sie eine Behinderung haben.

ÖZIV-Medienpreis: Am 32. Dezember ist es zu spät …

Der ÖZIV schrieb heuer zum siebenten Mal einen Medienpreis aus und vergibt diesen „für herausragende journalistische Leistungen auf dem Gebiet der Berichterstattung über Menschen mit Behinderung im Arbeitsleben/in der Wirtschaft„.

Achtung: Einreichungen sind noch bis zum 31. Dezember möglich.

Auf der Seite des ÖZIV finden Sie Informationen zur Einreichung sowie die bisherigen Preisträgerinnen und Preisträger.

Ehrung der Siegerinnen und Sieger 2010

Ehrung der Siegerinnen und Sieger 2010

Friedensnobelpreis eine Entscheidung „gegen Krüppel, Blinde, Einarmige“?

Sie sind verwirrt? Ja, dass waren wir auch, als wir diese „Post von Wagner“ in der BILD gelesen haben.

Die Europäische Union brachte diesen Kontinent Frieden und Zusammenarbeit, wo noch kurz davor zwei Weltkriege tobten und unsägliches Leid herrschte. Wahrlich ein Grund zur Freude und auch Grund für die Verleihung des Friedensnobelpreises an Europa. So könnte man es zusammenfassen.

In der BILD liest sich dies jedoch so:

Das alles ist mehr als 60 Jahre her. Feinde sind Freunde geworden. Den Friedensnobelpreis an die EU zu vergeben, ist eine gute Entscheidung.

Gegen Krüppel, Blinde, Einarmige.

An diesem Text ist nicht nur die Sprache sondern auch das Ergebnis der Verkürzung höchst kritikwürdig. Man wird davon ausgehen können, dass Alfred Nobel keinen Preis gegen Menschen stiftete.

Alles sollte so einfach wie möglich gemacht sein, aber nicht einfacher„, wusste schon Albert Einstein.

Hilflos in Duisburg

Es ist schon fast ein Klassiker in der Sauren-Gurken-Zeit. Immer wenn die Nachrichtenlage mau ist, aber in der Zeitung noch viel Platz, wird ein Praktikant in einen Rollstuhl gesetzt, durch das Revier der Lokalzeitung geschickt, um dann über seine – natürlich meist schlimmen – Erlebnisse zu schreiben.

Duisburg im Rollstuhl

Der Anspruch ist dabei oft zu beschreiben, wie das Leben als Rollstuhlfahrer denn so ist. Diesmal war es die Rheinische Post, die einen Mitarbeiter in einen Rollstuhl setzte und ihn durch Duisburg rollen ließ.

Schon die Überschrift „Ein paar Stunden absolute Hilflosigkeit“ lässt nichts Gutes ahnen. Vorurteil 1 – Rollstuhlfahrer sind hilflos – wurde damit schon in der Überschrift abgefrühstückt.

Nicht realistisch

Der Rollstuhl, den der Mitarbeiter in einem Sanitätshaus ausleiht, ist viel zu schwergängig und für einen Selbstfahrer völlig ungeeignet. Zu schreiben, das sei die Normalversorgung in Deutschland, ist schlicht falsch. Die Beine des Redakteurs sind zu lang für das Gefährt, das sieht man auf dem Foto – ja, es gibt Leistungskürzungen im Gesundheitssystem, aber so schlecht versorgt werden aktive Rollstuhlfahrer auch in Duisburg nicht.

Ein Mann im Alter des Autors, der zum Beispiel eine Querschnittlähmung hat, hat Anspruch auf einen auf ihn angepassten Rollstuhl. Diese wiegen heute um die 10 Kilo und sind leichtgängig. Und ja, das zahlt die gesetzliche Krankenkasse. Es ist kein Problem, damit eine Einkaufsstraße lang zu fahren, wenn diese nicht gerade 10 Prozent Steigung hat. Und wer zu wenig Armkraft dafür hat, bekommt im Zweifelsfall einen elektrischen Rollstuhl mit Motorantrieb. Auch diesen zahlt in der Regel die Krankenkasse oder ein anderer zuständiger Kostenträger. Dass die Kassen teilweise ihrer gesetzlichen Verpflichtung bei der Hilfsmittelversorgung nicht nachkommen, steht auf einem anderen Blatt, wäre aber ebenfalls ein gutes Thema für eine Lokalzeitung.

Die alte Leier

Einige Dinge, die dem Journalist aufgefallen sind, wären aber vielleicht wirklich wert gewesen, journalistisch weiterzuverfolgen. Warum ist der Fahrstuhl zur U-Bahn so schlecht ausgeschildert? Was sagt die Stadt dazu? Wieso ist der Lift zur Redaktion so klein? Wie sieht es bei anderen Arbeitgebern in Duisburg aus? Das sind die Fragen, die Rollstuhlfahrer wie mich wirklich beschäftigen. Aber davon lese ich in dem Artikel nichts. Ich lese nur die alte Leier von den hilflosen Rollstuhlfahrern.

Gut gemeint, aber…

So gut es die Redaktion gemeint haben mag, über das Thema Behinderung zu schreiben, so schlecht wurde es umgesetzt. „Wie fühlt man sich eigentlich als Rollstuhlfahrer? Mit welchen Problemen wird man im Alltag konfrontiert?“ – diese Fragen, die die Redaktion am Anfang stellt, beantwortet der Artikel gar nicht. Er beantwortet die Frage „Wie fühlt man sich als nicht behinderter Journalist in einem für ihn nicht angepassten Rollstuhl?“. Einen nicht behinderten, mit einem Rollstuhl ungeübten Menschen für ein paar Stunden in den Rollstuhl zu setzen, hat nichts mit der Lebenswirklichkeit von „richtigen“ Rollstuhlfahrern zu tun. Rollstuhlfahren ist eine Frage von Kraft, Geschicklichkeit und Balance. Natürlich kann man das nicht am ersten Tag lernen, aber wenn man es kann, ist es einfach und macht sogar Spaß. Das ist ungefähr vergleichbar mit der ersten Fahrstunde, wo man auch denkt, man lernt das Autofahren nie. Und am Ende ist es doch gar nicht so schwer.

Also keine Reportagen mehr mit Rollstuhlfahrschülern? Ich glaube wirklich, es schadet mehr als es nutzt. Stattdessen könnte man wirklich behinderte Menschen in ihrem Alltag begleiten, sich zeigen lassen, wo es noch Barrieren gibt und vor allem dann darüber schreiben, wie diese abgebaut werden könnten.

Die Welt gehört denen, die neu denken

Es ist einer meiner Lieblingswerbespots. Er stammt aus dem Jahr 2001 und ist in Cannes preisgekrönt worden.
Darin ist ein Mann in einem Rollstuhl zu sehen, der durch ein nagelneues Bürogebäude fährt. Plötzlich bleibt er mit einem Rad in einem Schacht am Boden hängen, der mit Lamellen abgedeckt ist.
Um den Rollstuhl wieder aus dem Loch zu bekommen, steht der nur scheinbar gelähmte Mann plötzlich auf. Es wird eingeblendet, dass es sich um einen Architekten handelt, und es wird klar, dass er sein eigenes Gebäude auf Barrierefreiheit getestet hat. Anschließend erscheint der Slogan der Zeitung „Die Welt“: „Die Welt gehört denen, die neu denken.“

Vorurteilsbeladen, mitleidserregend, klischeehaft

Und genau darum geht es in diesem Weblog, den wir jetzt starten. Wir glauben, es ist Zeit, „neu zu denken“, was das Thema Behinderung angeht – gerade und vor allem in der Medienbranche. Das bedeutet für Journalisten, auch neu darüber zu schreiben und zu berichten. Viel zu oft wird über behinderte Menschen vorurteilsbeladen, mitleidserregend, klischeehaft oder einfach falsch berichtet.

Wir glauben, es ist Zeit für einen Watchblog, der dokumentiert, wie aktuell über behinderte Menschen in den deutschsprachigen Medien berichtet wird und warum sich viele behinderte Menschen daran stören.
Nur wenn sich die Berichterstattung über behinderte Menschen und das Thema Behinderung nachhaltig ändert, wird das Ziel, eine inklusive Gesellschaft, in der behinderte Menschen gleichwertig teilhaben können, möglich sein. Denn viele nicht behinderte Menschen haben überhaupt keinen Kontakt zu behinderten Menschen. Ihre einzige Informationsquelle dazu sind die Medien. Erst wenn die Medien aufhören, behinderte Menschen als bemitleidenswerte, arme, hilflose Geschöpfe darzustellen – oder alternativ als Helden, die schon für die normalsten Dinge im Alltag bewundert werden müssen – wird sich auch am Bild der Gesellschaft von behinderten Menschen etwas ändern.

Herabsetzung ist kein guter Journalismus

So lange den Leuten immer wieder vermittelt wird, das Leben mit Behinderung sei in erster Linie ein tragisches Schicksal eines Einzelnen, das die Lebens- und Leistungsqualität so massiv einschränkt, dass nichts anderes wichtiger wäre, wird es schwierig, behinderte Menschen als Bürger, Arbeitnehmer, Arbeitgeber oder Menschen mit gleichen Rechten anzusehen. Als normaler Teil der Gesellschaft eben. Stattdessen findet eine Herabsetzung statt. Das führt zur Ausgrenzung.

Dabei geht es nicht nur um sprachlich unschöne Formulierungen, sondern auch um Fakten und Vorurteile, die einfach so nicht stimmen. Wir wollen diese dokumentieren und kommentieren, weil wir glauben, dass behinderte Menschen nicht mehr nur kopfschüttelnd zur Kenntnis nehmen sollten, wie über sie berichtet wird.