Wenn sich eine Journalistin selbst interviewt

“Ein Interview ist eine Befragung durch Fragesteller (so genannte Interviewer) mit dem Ziel, persönliche Informationen oder Sachverhalte zu ermitteln”, heißt es bei Wikipedia.

Wenn dies der Maßstab für den Beitrag “Korsett Bauordnung” von Sabine Oppolzer in Kulturjournal des ORF Qualitätssender Ö1 war, ist dies gründlich misslungen.

Sabine Oppolzer hat mit Walter Stelzhammer, dem Präsidenten der Kammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten für Wien, Niederösterreich und Burgenland, gesprochen – obwohl genau genommen hat die Ö1-Journalistin anscheinend ihre Meinung für so wichtig gehalten, dass der Tenor der Sendung schon in ihren suggestiven Fragen klar wurde.

Es verwundert daher auch nicht, dass ab einem gewissen Punkt Walter Stelzhammer nur mehr mit “Ich kann Ihnen da nur recht geben” antwortet.

Mikrofone / pixelroiber

Mikrofone / pixelroiber

Die Ö1-Journalistin hat davor in einem Redeschwall versucht die “Überreglementierung” der Bauordnung (auch in Bezug auf Barrierefreiheit) anzuprangern und wollte erkunden, ob dies Sinn der Sache sein kann.

Spannend ist, dass Walter Stelzhammer – bei der ansonsten großen Zustimmung mit den Suggestivfragen der Interviewerin – in einem Punkt klar Stellung nimmt. Die Barrierefreiheit “ist unserer Meinung nach ein Muss” widerspricht er der “Fragerin”.

Doch so leicht gibt die Ö1-Journalistin Oppolzer nicht auf und spitzt zu: “In ganz Europa wird jetzt behindertengerecht gebaut. Die Wohnungen müssen bis ins 12 Stock behindertengerecht gemacht sein. Was dann aber im Brandfall ein Problem darstellt, wenn im Lift der Storm ausfällt, kann man die Behinderten nicht evakuieren im 12. Stock. Wäre es nicht besser statt flächendeckend diese Behindertenwohnungen zu bauen, dass man die Anstrengungen und die Aufwände ganz zielgerecht auf die Betroffenen umlegt.”

Hier die Ö1-Sendung zum Nachhören.

Ein Tipp für die Zukunft: Vielleicht spart sich die Journalistin in Zukunft die Arbeit, einen Interviewpartner zu suchen und schreibt ganz einfach selbst einen Kommentar gegen barrierefreies Bauen. Sie würde sich viel Arbeit ersparen und Ö1 würde so ein “Interview” erspart bleiben.

Ausgrenzung als Expertenmeinung

Ich habe 1996 Abitur gemacht. An einer Regelschule. In Deutschland. Wenn ich mir die Berichterstattung der dpa von heute anschaue, hätte man das vermutlich verhindern müssen. Zumindest muss es eine erhebliche Belastung für meine Lehrer und Mitschüler gewesen sein.

War es natürlich nicht, im Gegenteil. Ich habe vor allem die Oberstufenzeit sehr genossen, habe noch heute zu über der Hälfte meines Jahrgangs losen Kontakt und unsere Abizeitung ist für mich heute noch ein Zeugnis von Inklusion pur.

Dass Deutschland, was schulische Inklusion angeht, ein Entwicklungsland ist, dürfte sich unterdessen herumgesprochen haben. Als ich zur Schule ging, wurden nur 10 Prozent aller behinderten Kinder integrativ beschult. Heute – immerhin 17 Jahre danach – liegt die Quote bei 20 Prozent. Beeindruckend ist das nicht.

Gummibärchen die ein anderfarbiges Gummibärchen ausgrenzen
Bild: jurec / Pixelio.de

In anderen Ländern sind die Zahlen genau umgekehrt – in Großbritannien gehen 80 Prozent aller behinderter Schüler an Regelschulen, Tendenz steigend. Andere Länder haben gar keine Sonderschulen mehr. Ich halte die schulische Inklusion für einen wichtigen Schlüssel dafür, um endlich eine bessere Teilhabe behinderter Menschen zu erreichen. Um so wichtiger ist es, dass die Medien ausgewogen über das Thema berichten.

Heute abend freute sich also der Landesdienst Südwest der dpa* auf Twitter über den am besten gedruckten Artikel des Tages und liefert damit einen schönen Beleg dafür, dass Abdruckrate nicht gleich Qualität bedeutet.

In fast 3000 Zeichen lässt die dpa den Vize-Chef der Bundesdirektorenkonferenz (BDK), Hugo Oettinger, gegen die schulische Inklusion behinderter Kinder wettern und Ängste verbreiten.

Nun ist es nicht neu, dass ein Teil der Lehrer- und Rektorenschaft den Untergang des Abendlandes herbeiredet, wenn es darum geht, behinderte Schüler an ihre Schulen zu lassen. Und natürlich ist es die Aufgabe von dpa, solch eine Meinung auch zu verbreiten. Aber ausgerechnet als dpa-Gespräch ohne Gegenrede eines Eltern- oder Behindertenverbandes oder mal die Fakten zu prüfen, die der Mann anführt?

Dass zum Beispiel die Beschäftigungsquote behinderter Menschen in anderen Ländern höher ist, was auch mit einer besseren Bildung dieser Gruppe zusammenhängt und dass sich der “Aufwand”, von dem er spricht, der sich ja angeblich nicht lohnt, beispielsweise volkswirtschaftlich vielleicht doch lohnen könnte. Und vielleicht hätte dem Text das Wort “UN-Behindertenrechtskonvention” ganz gut getan – die ist nämlich der Grund, warum jetzt alle über (schulische) Inklusion reden.

dpa-Gespräche sind eine geeignete Textform, um einen Gärtner Tipps zur geeigneten Gartenpflege geben zu lassen. Sie sind sicher nicht geeignet, einen Einzelnen ohne jegliche Gegenrede für die Ausgrenzung einer Minderheit – in dem Fall behinderte Kinder – plädieren zu lassen ohne überhaupt mal eine Einordnung vorzunehmen.

*Transparenzhinweis: Ich habe bei dpa volontiert und als Redakteurin gearbeitet, bevor ich nach London ging.

Pistorius auf freiem Fuß oder warum auch Blinde sich wiedersehen

Es ist ein paar Tage her, dass ich auf diesen Tweet aufmerksam wurde:

Ich musste, ehrlich gesagt, einen Moment darüber nachdenken, was das Problem an der Formulierung sein soll. Dann fiel der Groschen: Kann jemand, der unterschenkelamputiert ist und mit Prothesen läuft, auf freien Fuß kommen, wenn er in Untersuchungshaft sitzt?

Ja, warum denn nicht? Es ist eine gängige Redewendung, die ursprünglich daher kommt, dass jemandem die Fesseln vom Fuß entfernt werden. In den meisten Staaten werden Gefangene heute nicht mehr dauerhaft in Fußfesseln gelegt, aber dennoch wird die Redewendung weiter verwendet. Genau genommen ist sie also bei jedem Gefangenen falsch, der nicht in Fußfesseln gehalten wurde.

Fußfessel
Bild: Peter Reinäcker / Pixelio.de

Einige meinen, Pistorius habe keine Füße, deshalb könne er auch nicht auf freien Fuß kommen. Ich finde das für eine sehr engstirnige Begründung. Zum einen sind Pistorius’ Prothesen seine Füße. Zum anderen nutzen auch behinderte Menschen selbst solche und andere Redewendungen. Man muss das Leben ja nicht komplizierter machen als es ist.

Ich “gehe” also zum Arzt, auch wenn ich eigentlich dort hin rolle. Ich “gehe” auch spazieren. Blinde Menschen wünschen sich gegenseitig “Auf Wiedersehen” und “schauen sich das mal an”. Das ist ganz normal.

Die oben genannten Beispiele haben alle gemeinsam, dass sie neutrale Formulierungen sind. Es schwingt keine Herabwürdigung oder Bewertung mit. Anders sieht es aus bei Formulierungen, die eine bestimmte negative Vorstellung erzeugen wie z.B. “an den Rollstuhl gefesselt”. Offensichtlich haben weniger Journalisten Skrupel so eine Formulierung zu benutzen, obwohl sie keinesfalls mehr wertneutral ist sondern eine negative Einstellung gegenüber dem Hilfsmittel Rollstuhl impliziert.

Ich finde, man darf Pistorius “auf freien Fuß” kommen lassen. Das ist in jedem Fall besser als ihn “an seiner Behinderung leiden” zu lassen – noch so eine beliebte Formulierung, die keinesfalls neutral ist.

“Autisten haben keine Lobby”

Wenn man bei Google News das Wort “autistisch” eingibt, könnte man fast glauben, es sei ein neues Modewort. So oft kommt es in der Medienberichterstattung vor. Nur leider findet es sich nicht nur in der Berichterstattung über Menschen mit Autismus wieder, sondern wird synonym für Menschen und Umstände benutzt, um etwas als besonders negativ zu brandmarken. Gleichzeitig dient Autismus als einfache Erklärung, um das Übel der Welt begreifbar zu machen. Ein Beispiel? Spiegel Online schafft es mit einem Artikel über den Amoklauf von Newton einen Sturm der Entrüstung auf sich zu ziehen. Die Autorin bot der Leserschaft ganz schnell die Diagnose “Autismus” als Erklärung für die schreckliche Tat an. Viele Blogger mit Autismus zeigten sich entsetzt.

Aber die Kritik an den Medien zum Umgang mit dem Begriff “Autismus” reißt nicht ab. “Autisten sind nicht die Fußabtreter formulierungsfauler Autoren”, twitterte Mela Eckenfels vor kurzem. Wir haben sie dazu befragt, wie sie als Autistin über die Berichterstattung denkt.

Mela lebt in Karlsruhe, ist 41 Jahre alt und verheiratet. Sie twittert unter dem Nick Felicea und schreibt für Geld. Dazu bloggt sie über Autismus und ADS.

Aufgerollt: Seit ein paar Wochen lese ich immer wieder auf Twitter, dass Du und andere Leute mit Autismus die Berichterstattung zu dem Thema kritisieren? Wie fing das an?

Mela: Schleichend beobachte ich diesen Trend seit nun gut zwei Jahren. Zuerst begegnete mir der Begriff “Autismus der Ökonomen” beziehungsweise die Studentenbewegung der “Post-autistischen Ökonomie”. Im letzten Jahr kam “autistische Architektur” dazu. Dann konnte man vermehrt von Seiten der Politik hören, dass sie anderen Politikern gerne “autistische Politik” unterstellten, wenn diese nicht auf ihre Einwände eingehen wollten. All das gipfelte aber in einem Spiegel-Bericht zum Schul-Amoklauf in Newtown im Dezember des vergangenen Jahres.

Es stand nur kurz und sehr schwammig der Verdacht im Raum, der Täter könnte ein Asperger-Autist gewesen sein. Das wurde umgehend von allen Medien aufgegriffen. Auch von Spiegel Online. Der Artikel dort strotzte vor populistischen Formulierungen und schämte sich nicht Autisten indirekt in Verbindung mit Massenmördern zu bringen. Alles anhand mehr als wackliger und teils sachlich falscher Argumente, aber die Autorin und Spiegel Online wollten sich nicht von ihrer Interpretation abbringen lassen.

Aufgrollt: Kannst Du kurz erklären, was Autismus ist?

Mela: Autismus bezeichnet, nach Lehrbuch, eine tiefgreifende Entwicklungsstörung. Das Problem mit Autismus und dem Verständnis der Bevölkerung von Autismus ist, dass es den Autismus eigentlich gar nicht gibt. Es gibt eine Handvoll Merkmale die als typisch für Autismus gelten, so zum Beispiel eine monotone Sprachmelodie oder eine nicht-altersgerechte, gestelzte Sprache. Nach außen fallen Autisten meist dadurch auf, dass sie sich lieber zurückziehen und als Kind mit sich selbst spielen, monotone Handlungen wiederholen oder sehr heftig auf körperliche Berührungen reagieren.

Viel bedeutender für die Autisten selbst, ist allerdings eine im Vergleich zur Norm veränderte Wahrnehmung. Die Intensität von Licht, Geräuschen, Gerüchen, Geschmack und Berührungen wird anders empfunden. Entweder viel stärker oder viel schwächer als üblich. Zu Problemen mit der Umwelt führen die Probleme von Autisten im sozialen Umgang mit den Mitmenschen. Simon Baron Cohen, einer der führenden Autismus-Experten nennt als Ursache, dass Autisten zwar über eine intakte affektive Empathie verfügen, aber über eine gestörte kognitive Empathie. Kurz, sie sind nicht in der Lage die Reaktionen und Beweggründe ihrer Mitmenschen ohne weiteres zu entschlüsseln. Das führt zu Missverständnissen und sozial unangepasstem Verhalten. Viele Autisten erscheinen deswegen gefühlskalt oder genau im Gegenteil übertrieben gefühlsbetont. Dabei sind sie nur verwirrt und können den Ausdruck ihrer Gefühle nicht so einfach der Situation angemessen dosieren, wie der Durchschnitt.

Murmel mit Spielfiguren
Bild: Stephanie Hofschlaeger / pixelio.de

Aufgerollt: Das hört sich nicht so an, als würde aus einem Autisten mirnixdirnix ein Massenmörder, wie von einigen Medien angenommen. Woher kommen Deiner Meinung nach diese Vorurteile?

Mela: Mein Eindruck, gerade im Bezug auf das Sandy-Hook-Attentat war das erfreute Aufseufzen in den Redaktionen und den Köpfen vieler Leser “Hurra, der Täter hatte was mit dem Kopf.” Während die Ursachen für Amokläufe in ihrer Komplexität schwer zu erklären und zu verstehen sind, gab es hier auf einmal eine einfache Erklärung. Der Attentäter war “irre”. Heute liefern alle journalistischen Formate diese Erklärung ohnehin gerne bereits in der Bezeichnung mit “der irre Attentäter” oder “der wahnsinnige Terrorist”. Damit ist alles erklärt. Niemand muß sich weitere Gedanken machen. Der Typ war durchgedreht, nicht ganz richtig im Kopf. Damit ist alles klar.
Das Autismus sich gar nicht als Erklärung für eine Gewalttat eignet … geschenkt.
Wenn es beispielsweise im Fernsehen eine Dokumentation über Autisten gibt, sieht man garantiert ein Kind, dass in Agonie um sich schlägt, ohne das seiner Umwelt der Auslöser klar wäre. Warum also, denkt sich der Zuschauer oder Leser, sollte das gleiche Kind, sobald erwachsen, nicht zur Waffe greifen?
Was ein hilfloser Selbstschutz-Versuch ist, wird in den Köpfen anderer schnell zu aktiver Aggression.

Aufgerollt: Wenn Du liest, wie über autistische Menschen berichtet wird, was empfindest Du da?

Mela: Hilflosigkeit. Sehr große Hilflosigkeit. Denn als Autisten haben wir keine Lobby.
Jahrzehntelang haben Ärzte und Psychologen allenfalls über Autisten gesprochen, aber nie mit ihnen. Inzwischen ist zwar klar, dass nicht nur die vollkommen sprachlosen Autisten zum Spektrum gehören, aber auch den Autisten ohne Einschränkungen der Sprachentwicklung hört niemand gerne oder richtig zu. Deswegen hält sich auch das Märchen so hartnäckig, dass wir nichts empfänden obwohl wir nur Probleme damit haben unsere Empfindungen korrekt auszudrücken.
Und immer, wenn ein solcher Bericht auftaucht, kriechen alle aus den Löchern, die uns erklären, wie wir sind.
Gerade die Berichterstattung nach dem Sandy-Hook-Amoklauf war sehr dramatisch. Die Behauptung, der Amokläufer sei Autist gewesen, war und ist, soweit ich weiß, keinesfalls bestätigt, aber die ersten forderten diese gefährlichen, emotionslosen Autisten endlich wegzusperren. Alle. Mütter autistischer Kinder bestätigten auf Twitter die Behauptung noch, alle Autisten seien vollkommen emotionslos. Dabei können nicht einmal sie als Eltern von Autisten diese Aussage treffen.

Niemand weiß, wie es in einem Autisten aussieht, außer er selbst. Sie können nur aus dem, was sie sehen, darauf schließen, und diese Schlüsse sind fast immer falsch.

Gedanklich zwischen Krüppel und Helden gefangen

Die Darstellung behinderter Menschen springt teilweise zwischen zwei extremen Polen. “Entweder als permanent unter der Behinderung Leidende, als Opfer oder als Helden, die ihre Behinderung überwunden haben”, wie Rebecca Maskos, Projektleiterin von Online-Portal Leidmedien.de, in einem Interview vor wenigen Wochen treffend festhielt.

In diesem eingefahrenen Denkschema ist offensichtlich auch Franz Josef Wagner (von der BILD) gefangen. Schrieb er kürzlich sinngemäß, dass der Friedensnobelpreis eine Entscheidung “gegen Krüppel …” sei (wir berichteten darüber) ist nun eine Heldensaga auf der Tagesordnung. Nein keine griechische; sondern eine aus Deutschland. ;-)

In einem persönlich verfassten Text zollt er Samuel Koch seine Bewunderung für – und nun bitte aufpassen – die Teilnahme an einer Party. Diese übersteigerte Bewunderung für etwas an sich nicht berichtenswertes sagt wenig über den Hervorgehobenen aus aber sehr viel über den Hervorheber.

Franz Josef Wagner schließt seinen Text mit diesen Sätzen “Alles ist gelähmt. Was nicht gelähmt ist, sind Ihre Träume.”

Unbedingt losbinden! Nein, nicht den Samel Koch. Weil der ist ja bekanntlich nicht “an den Rollstuhl gefesselt”, sondern den Franz Josef Wagner. Der ist anscheinend noch in seiner Gedankenwelt zwischen Krüppel und Helden gefangen.

Prison bars

Wenn man aus Bequemlichkeit die Falschen interviewt

Manchmal frage ich mich, ob manche Journalisten nicht selber merken, dass ihre Art und Weise über behinderte Menschen zu berichten, etwas merkwürdig ist. Man stelle sich nur einmal vor, eine Zeitung berichtet über die Schwierigkeiten eines 38-jährigen Mannes und seiner 30-jährigen Frau, Arbeit zu finden. Dabei kommen die beiden aber nicht ein einziges Mal zu Wort. Befragt werden lediglich die Eltern des Mannes. Die Eltern? Wieso das denn? Die sind doch erwachsen, würde man denken. Genau.

Kein Chefredakteur, der halbwegs bei Verstand ist, würde das einem Autor durchgehen lassen – aber bei gehörlosen Menschen scheinen diese Standards, dass man die Beteiligten direkt befragt, wenn man sie vor sich sitzen hat – nicht mehr zu gelten. Der Münchner Merkur hat einen sicher gut gemeinten Artikel über ein gehörloses Paar geschrieben, das auf Arbeitssuche ist. Die Zeitung hat aber leider vergessen, die eigentlichen Leute, um die es geht, überhaupt mal zu Wort kommen zu lassen. Es reden immer nur die Eltern des Mannes.

Businessfrau hat Sprechverbot
Bild: Benjamin Thorn / pixelio.de

Abgesehen davon, dass ich solche Artikel immer ein bisschen grenzwertig finde – was ist eigentlich die Nachricht? Können sich jetzt alle Arbeitslosen bei der Zeitung melden? Wird dann auch über sie berichtet? – ist es absolut nicht hinnehmbar, dass für erwachsene Menschen immer noch die Eltern reden. Mir ist schon klar, woher das kommt. Der Journalist hatte vielleicht Hemmungen und wusste nicht, wie er mit dem gehörlosen Paar kommunizieren soll. Aber die Eltern reden zu lassen, ist ja nun auch keine Lösung. Dann schon besser einen Gebärdensprachdolmetscher hinzuziehen oder sonst jemand, der übersetzen kann.

Ja, ich weiss, es ist manchmal etwas aufwendiger, wenn man diese Ansprüche hat. Andererseits zeigt der Artikel wunderbar, dass man sonst nicht an Informationen kommt. Wir erfahren fast nichts über das Paar, außer wie schwer alles ist. Ist es das, was der künftige Arbeitgeber lesen will? Ist es das, was die gehörlosen Leute selber gesagt hätten? Damit ist der Zweck des Artikels – die beiden in Arbeit zu bringen – und vielleicht etwas mehr Verständnis für gehörlose Menschen zu erzielen, völlig verfehlt.

Schwache Leistung

Rheinland-Pfalz hat eine neue Ministerpräsidentin. Malu Dreyer tritt die Nachfolge Kurt Becks an, nachdem sie zuvor Sozialministerin des Landes war. Ich finde es sehr interessant, die Berichterstattung dazu zu verfolgen. Während Malu Dreyer – ganz zu recht, wie ich finde – der Auffassung ist, dass ihre Behinderung in der Politik keine Rolle spielen sollte, geben sich manche Journalisten größte Mühe, das zu widerlegen.

Tapfer

Malu Dreyer ist unsere tapferste Politikerin“, schrieb die BILD-Zeitung schon im September. Der Artikel ist so furchtbar gönnerisch und herablassend wie die Überschrift ahnen lässt.

Nun könnte man glauben, nach Jahrzehnten mit einem Spitzenpolitiker im Rollstuhl habe man sich in Deutschland an behinderte Politiker gewöhnt und geht damit gelassen um. Eben so, wie sich Malu Dreyer das auch wünscht. Aber das ist offensichtlich nicht der Fall.

Die ZEIT

Die ZEIT widmet sich in einem Porträt über Malu Dreyer fast ausschließlich ihrer Behinderung, liefert sogar die Begründung gleich mit, warum man die Auffassung Malu Dreyers, dass ihre Behinderung in der Politik keine Rolle spielen sollte, gleich mit: “Trotzdem ist die Krankheit nicht nur ein Teil von Malu Dreyers privatem Leben, sondern auch von ihrem öffentlichen. Sie wird nicht nur die Ministerpräsidentin sein, sondern die Ministerpräsidentin mit der multiplen Sklerose.” Nein, das wird sie nur sein, wenn die Medien es so wollen. Die ZEIT will es offenbar so.

Schwache Leistung aus Berlin

Der Tagesspiegel aber belässt es aber nicht bei dem in den Vordergrund stellen ihrer Behinderung. Der Redakteur fühlt sich auch noch berufen in einem Meinungsbeitrag mit der Überschrift “Malu Dreyers Schwäche ist ihre Stärke” ihr ungefragt Ratschläge über den Umgang mit ihrer Behinderung zu geben.

Mit Schwäche meint er ihre Behinderung und disqualifiziert sich damit, meiner Meinung nach, als Ratgeber. Malu Dreyer sieht ihre Behinderung nicht als Schwäche an, sie ist auch nicht schwach, weil sie eine Behinderung hat. Den Nutzen von Inklusion sieht er darin, dass Kinder lernen, dass es andere Kinder schwerer haben (die mit Behinderung natürlich) als sie selbst.

Behinderung definiert der Tagesspiegel also als Defizit. Schublade auf, Schublade zu. Und dann gibt die Zeitung der gestandenen Politikerin mit auf den Weg: “Politik – das ist vor allem zuhören, diskutieren, entscheiden, was geschehen soll. Dreyer könnte zeigen, dass es ihr darauf ankommt und nicht so sehr auf Dauerpräsenz. Eine Ministerpräsidentin, die auch mal ein paar Tage zu Hause arbeitet, um bei Kräften zu bleiben…”.

Es fehlt eigentlich nur noch der Hinweis, sich immer warm anzuziehen und die Jacke schön gut zuzumachen. Auch behinderte Politiker haben das Recht, Workoholics zu werden, wie ihre Kollegen – oder auch nicht. Es hat jedenfalls nichts mit der Behinderung zu tun und ich bin mir sicher, Malu Dreyer bleibt nicht einen Tag mehr zu Hause, weil ihr das ein Journalist in Berlin geraten hat. Hätte irgendjemand Kurt Beck einen Meinungsartikel gewidmet, indem er ihm mitteilt wie viel oder wenig er zu arbeiten hat? Nein? Warum nicht? Der weiß also, was gut für ihn ist? Ja?

Es geht auch anders

Und zum Schluss eine positive Beobachtung in all dieser “Hilfe, wir haben eine behinderte Ministerpräsidentin und kommen so gar nicht damit klar”-Berichterstattung: dpa* hat in allen Berichten, die ich gesehen habe, sachlich über Malu Dreyers Politik – denn darum geht es nun mal bei einer Politikerin – geschrieben und jeweils in einem Absatz erklärt, warum Malu Dreyer manchmal im Rollstuhl sitzt. Es geht eben auch anders…

*Transparenzhinweis: Ich habe bei dpa volontiert und als Redakteurin gearbeitet, kritisiere die Kollegen aber auch, wenn es sein muss.

Danke für den großen Zuspruch

Wenige Tage vor Silvester haben wir diesen Medienwatchblog zur Berichterstattung über behinderte Menschen gestartet. Unser Resümee nach knapp zwei Wochen: Wir sind von dem bisherigen Zuspruch sehr überwältigt und nehmen dies als Auftrag intensiv an dem Thema dranzubleiben.

Übrigens: Die bisher meistgelesene Artikel waren “Die Welt gehört denen, die neu denken” sowie “Mit Lügen zum Job“.

aufgerollt.com am iPad

aufgerollt.com am iPad

Ohne Twitter und Facebook geht nichts mehr

Die Zugriffsstatistiken des Medienwatchblogs zeigen ganz deutlich, dass mehr als die Hällte der Leserinnen und Leser über Verweise von Twitter und Facebook kommen.

Wer keinen neuen Beitrag verpassen will, folgt “Aufgerollt” entweder auf Twitter oder Facebook. Zusätzlich besteht noch die Möglichkeit sich neue Beiträge per Mail schicken zu lassen. Einfach auf der Homepage rechts oben die e-Mail Adresse eintragen.

aufgerollt.com am Handy

aufgerollt.com am Handy

Wenn Ihnen ein besprechenswerter Artikel auffällt, nehmen Sie bitte mit uns entweder über Twitter oder Facebook Kontakt auf. Danke im Voraus.

Mit Lügen zum Job

Keine Frage, für behinderte Menschen ist es in Deutschland immer noch sehr schwer, einen Arbeitsplatz zu finden. Die hohe Arbeitslosenquote und die niedrige Beschäftigungsquote behinderter Menschen spricht Bände. Diesem Thema hat sich nun auch die Märkische Allgemeine mit dem Artikel “Manchmal sind sogar Lügen erlaubt – Für Behinderte bleibt der Arbeitsmarkt hart” angenommen. Zusätzlich gibt es zu dem Thema auch noch einen Kommentar des Autors.

Die Zeitung berichtet über das Bewerbungsgespräch einer Verkäuferin bei einem Einzelhandelsunternehmen in Kyritz. Die Frau hat einen Grad der Behinderung von 60, muss aufgrund einer Erkrankung regelmäßig Medikamente nehmen. Im Bewerbungsgespräch hat sie dem Arbeitgeber mitgeteilt, dass sie eine Behinderung hat, worauf dieser gesagt haben soll, “mit sowas wollen wir nichts zu tun haben.” So weit, so ungut.

Stellenmarkt
Bild: Paul-Georg Meister / Pixelio.de

Dann beginnt der Autor der Leserschaft mitzuteilen, dass man tatsächlich nicht verpflichtet ist, eine Behinderung gegenüber dem Arbeitgeber zu offenbaren. Das ist richtig, aber wird sehr vielen behinderten Menschen in der Praxis nicht weiterhelfen, weil sie entweder eine sichtbare Behinderung haben oder aber früher oder später auf Kooperationsbereitschaft des Arbeitgebers angewiesen sind.

Die Gesetze sind schuld?

Dann aber wird der Artikel spekulativ. “Sehr wahrscheinlich hat im Übrigen nicht die Behinderung von Barbara V. den Arbeitgeber abgeschreckt, sondern die gesetzlichen Regelungen zum Schutze Behinderter”, schreibt die Märkische Allgemeine. Ich frage mich, woher wissen die das? Haben sie mit dem Arbeitgeber gesprochen? Ist es nicht eher so, dass viele Arbeitgeber behinderte Menschen für weniger leistungsfähig halten und Angst haben, dass diese erhöhte Fehlzeiten haben – das ist zwar statistisch falsch, aber leider ein sehr verbreitetes Vorurteil.

Der Artikel fährt fort: “So gilt beispielsweise nach dem Sozialgesetzbuch IX ein erhöhter Kündigungsschutz. Zudem haben Schwerbehinderte Anspruch auf zusätzlichen Urlaub und das Recht, Mehrarbeit abzulehnen, also beispielsweise Überstunden.”

Diskriminierung ist das Problem

Der erhöhte Kündigungsschutz besteht unter anderem darin, dass das Integrationsamt zustimmen muss, wenn behinderte Mitarbeiter gekündigt werden. Ich kenne die Zahlen von Brandenburg nicht, aber ich schätze mal, die Zustimmungsquote des Integrationsamts in Brandenburg liegt bei 90 Prozent. Aber Fakten wie diese hätten die Theorie, dass es an den Gesetzen liegt, nicht gerade unterstützt. Es liegt nicht an den Gesetzen, es liegt an den Arbeitgebern, die sich gegen behinderte Menschen entscheiden. So wie sie sich gegen Alleinerziehende, Ausländer oder Frauen entscheiden. Das genannte Gesetz versucht zumindest zu verhindern, dass Angestellte nicht sofort entlassen werden, sobald sie eine Behinderung bekommen, weil der Arbeitgeber sie loswerden will.

Und auch der Kommentar des Autors liest sich für mich wenig fundiert. Weil der Konkurrent keine behinderten Menschen beschäftigt, macht man das selbst auch nicht? Ich glaube viel eher, dass es dazu keinen Konkurrenten braucht, sondern fähige Personalchefs, die wissen, dass behinderte Menschen genauso motiviert und leistungsfähig sind wie nicht behinderte Menschen. Es ist zum Nachteil der Unternehmen, wenn sie den besten Bewerber nicht einstellen, weil der eine Behinderung hat. Es wäre schön gewesen, wenn die Zeitung das den Arbeitgebern mitgeteilt hätte.

Lernen statt belehrt zu werden

Seit 2001 wird jährlich am 4. Jänner, dem Geburtstag von Louis Braille, der Welt-Braille-Tag begangen. Dies ist Anlass für viele Medien sich mit Thema Braille und ihrem Erfinder ausführlich zu beschäftigen.

Unserer Meinung nach besonders gut gelungen ist dies “20 Minuten” mit dem Artikel “Öffnen Sie die Augen für ein Braille-Quiz“.

Braille-Quiz bei 20 Minuten

Braille-Quiz bei 20 Minuten

“Spielen ist eine Tätigkeit, die man gar nicht ernst genug nehmen kann.” (Jaques-Yves Cousteau)

Das Beispiel von “20 Minuten” zeigt schön, dass es für Leserinnen und Leser sicherlich netter ist etwas zu lernen, als belehrt zu werden. Bitte nachmachen!